Arno Reinfrank

Arno-Reinfrank-Jugendpreis 2017

Lea Plischke

Lea Plischke, 13 Jahre
Gruppe Kurzgeschichte 10 bis 21 Jahre


Tief gesunken

Das einzige, was ich jetzt noch hörte, war das Knistern des kalten Schnees, der mich langsam zu verschlingen schien, und das Geschrei nach Hilfe von Mira. Ich versuchte, mich noch an meinem einen coolen Skistock fest zu halten, aber der sank genauso wie ich ein. Mir war eiskalt, ich hatte keine Kontrolle mehr, über das was passierte und das einzige, was ich jetzt noch dachte, war: "Was ein großer Fehler..", dann wurde es schwarz. Wie es zu diesem riesigen Vollkatastrophenfehler kommen konnte, erzähle ich jetzt. Ich bin Sarah, 13 Jahre alt und gehe auf dem St. Karolinen Gymnasium in die 8b. Auch in die 8b gehen meine besten Freundinnen Anna, Luise, Melissa und Janine. Mit ihnen hatte ich mich vor 3 Monaten schon auf diese Klassenfahrt gefreut. Wir hatten geplant, alle zu fünft in ein Zimmer zu gehen, dort ein Süßigkeitenlager zu machen, bis spät in die Nacht wach zu bleiben und einfach nur Spaß zu haben. Denn als wir damals endlich den Elternbrief bekommen hatten, realisierten wir erst richtig, dass es so weit war. Die Skiklassenfahrt macht jeder auf unserer Schule in der 8. Klasse. Sie ist, zumindest bei den Stufen unter der 8., als die tollste Klassenfahrt von allen bekannt, denn die normalen Klassenfahrten bis zur 8. sind meist in Deutschland, höchstens 3 Stunden entfernt und nur für 2-3 Tage, diese aber nicht. Diese Klassenfahrt geht nach Italien zum Skifahren, für eine Woche, in einem Hotel! Gut, es ist mehr oder weniger ein kleiner Gasthof, aber man bekommt von jedem erzählt, wie schön er ist. Auf dem Elternbrief stand "Gasthof zur Post", was einem jetzt nicht wirklich hilft. Ich habe das Internet tagelang nach "Gasthof zur Post Tirol" und "Gasthof in Tirol namens zur Post" durchsucht, aber es gibt ungefähr 1.000 Gasthöfe mit dem Namen zur Post.. Meine Freundinnen waren damals auf dasselbe Ergebnis gekommen, dabei wollten wir nur die Zimmer sehen, damit wir schon mal planen konnten, wer wo schlafen würde, aber es war ja klar, dass es unsere Schule nicht mal schafft, einen Link hinzuzufügen. Unser Klassenlehrer Herr Albrecht, der eigentlich voll ok ist, hatte gesagt, es würde für die Mädchen ein Zimmer für sechs, ein Zimmer für vier und noch irgendwas geben. Den Rest hatte ich gar nicht mehr gehört, denn eines war uns klar, wir würden um das Zimmer für sechs kämpfen! Was uns damals nicht klar war, war, dass das bedeutet, noch jemand kommt zu uns. Daran hatten wir gar nicht gedacht und als wir dann am Montag im Bus saßen und unser Lehrer erklärte, was wie passieren würde, traf es uns wie ein Schlag.

"So, es ist so weit! Demnächst werden wir da sein und ich erkläre jetzt nochmal alles!" fing er feierlich an, "also..." und die nächste halbe Stunde bekam ich erst mal nicht mit, da ich viel zu beschäftigt war, den anderen mein cooles Skioutfit auf den Bildern meines Handys zu zeigen. Ich hatte lange nach dem perfekten Skioutfit gesucht. Das ist auch nicht so einfach gewesen, denn man muss erstmal eine kijacke, in der man nicht zu fett aussieht, eine dazu passende Skihose, Skischuhe, die passen und gut aussehen, Skier die die perfekte Länge haben und noch passende Skistöcke finden! Aber mein Skioutfit war perfekt und alle bewunderten es und wollten mein Handy mal rübergereicht bekommen. Das war das Handy, das ich eigentlich gar nicht dabei haben durfte, das stand ganz deutlich auf dem Elternbrief, aber wen interessiert das schon? Jeder hatte sein Handy dabei, gut bei manchen bin ich mir nicht sicher, ob sie eins haben, aber fast jeder, der eins hat, hatte es auch eingepackt. Ich hatte deshalb noch mit meinen Eltern diskutiert: "Aber Sarah, da steht, man darf es nicht mitnehmen!", hatte meine Mutter gesagt. "Genau, also nimmst du es nicht mit!" stimmte mein Vater ihr noch zu (typisch uncool wie immer), aber sie hatten keine Chance und auch der dumme Einwand von meinem großen Bruder Luis änderte daran nichts: "Ja, Sarah, wenn du dein Handy mitnimmst, hängst du nur daran und verblödest, andererseits ist es schwer zu sagen, ob du überhaupt noch dümmer werden kannst!" "Mach dir wegen mir keine Sorgen, dümmer als du kann man ja nicht werden!" gab ich zurück und noch bevor Luis sich verteidigen konnte unterbrach uns meine Mutter mit "Es reicht ihr beiden! Sarah, du darfst dein Handy nicht mitnehmen und Schluss." Aber wie gesagt, sie hatten keine Chance. Ich bin eine Meisterin im Überreden meiner Eltern und gab nicht auf, bis ich es mitnehmen durfte. Also saßen wir da im Bus und als jeder mein Outfit bestaunt und von seinem Outfit erzählt hatte, fingen wir wieder an zuzuhören. "...also werden die Gruppen für Ski morgen eingeteilt. Wir, die Lehrer, schauen dann, wer von euch wie gut Ski fährt und dann teilen wir euch zusammen mit eurer Parallelklasse in ungefähr gleich gute Gruppen ein. Aber kommen wir nun zum spannendsten Teil, die Zimmeraufteilung.", spätestens bei diesem Satz schaute jeder gespannt zu unserem Lehrer. Wir hatten davor gesagt, in welches Zimmer wir mit wem wollten, aber einteilen durften immer noch die Lehrer, was ich übrigens voll bescheuert finde. "Fangen wir mit den Mädchen an. In das Zimmer für sechs kommen Anna, Melissa, Janine, Sarah, Luise und Mira. In das Zimmer für ..." und ab da hörte ich mal wieder nicht zu. Das war ein Schock. Wir hatten es zwar zu fünft in das Zimmer geschafft, aber es kam noch jemand dazu. Jemand, der nicht besonders beliebt war, Mira. Mira ist erst seit Anfang dieses Schuljahres in unserer Klasse und kommt aus Syrien, glaube ich. Sie ist ein Flüchtling und überhaupt erst seit einem Jahr mit ihrer Familie in Deutschland, hat deutsch aber so schnell gelernt, dass sie es zu uns aufs Gymnasium geschafft hat. Sonst weiß ich nicht sehr viel von ihr, sie hat auch keine Freunde in unserer Klasse und ist sonst auch unbeliebt. Die anderen haben gemeint, sie fänden sie hässlich. Ich finde sie ehrlich gesagt ziemlich hübsch, mit ihren langen, dunkelbraunen Haaren und dem schönen Teint, nur dass sie eben nicht so coole Kleider wie wir trägt, aber da die anderen das so gesagt haben, habe ich ihnen einfach zugestimmt, nicht dass die mich für jemanden Uncoolen ohne Geschmack halten. Jedenfalls hieß es jetzt, dass sie zu uns ins Zimmer kommen würde und darüber haben wir uns richtig aufgeregt. Ich meine, klar, eigentlich gab es nichts direkt an ihr auszusetzen, aber sie war eben doch anders, fremd irgendwie und unbeliebt noch dazu. Mira saß in dem Moment zwei Reihen vor uns, alleine auf einem Platz für zwei und schaute betrübt nach draußen. Obwohl sie ja eigentlich glücklich gewesen sein sollte, immerhin kam sie mit uns in ein Zimmer! Als wir dann etwas später endlich da waren, kam uns direkt die nette Wirtin entgegen: "Hallo! Ihr seid die Kinder vom Karolinen Gymnasium, richtig? Schön, dass ihr da seid! Ich bin die Frau Nitsch. Die Zimmer für die Jungen sind oben links, die für die Mädchen gegenüber! Mittagessen gibt es um Punkt 12 und am besten seid ihr schon etwas früher da, sonst bekommt ihr nichts mehr von meinem leckeren Eintopf! Aber jetzt macht es euch erstmal gemütlich, während ich mich noch mit euren Lehrern unterhalte!", die schien ja freundlich zu sein, auch wenn sie ziemlich schnell reden konnte. Und dann bekamen wir die Zimmerschlüssel tatsächlich und gingen auf die Suche. Aber allein das war schon blöd. Wir hatten das Zimmer 108 und während wir so danach suchten lief uns natürlich die ganze Zeit Mira hinterher. Das war ja eigentlich klar, da sie auch zum Zimmer 108 musste, aber gestört hat es uns trotzdem irgendwie. Als wir dann im Zimmer waren, waren wir überwältigt. Das Zimmer war der Hammer! So groß, so schön! Sofort hatten wir alle unsere Handys rausgeholt, um Bilder zu machen und zu posten, Mira war die einzige, die kein Handy rausholte, sie stand nur da und als wir fertig waren, wartete sie einfach, bis wir unsere Betten ausgesucht hatten und ging dann zu dem letzten Bett, das übrig war und irgendwie auch am weitesten von den anderen entfernt schien. Ich lag unter Melissa, was ich sehr schön fand, da sie eine der leichtesten von uns ist, was bedeutet, dass das Bett in der Nacht vermutlich nicht über mir knarzen würde, außerdem schienen meine Sachen so ziemlich weit von Mira entfernt, womit ich nicht sagen, will, dass ich sie für eine Verbrecherin halte, aber richtig vertrauen tue ich ihr eben nicht.. Der Rest des Tages war dann ziemlich normal und uninteressant. Wir haben unser Süßigkeitenlager extra als Mira auf der Toilette war gut versteckt eingerichtet, der Eintopf von Frau Nitsch war mittags wirklich sehr lecker, wir haben noch ihren etwas strengeren Mann, Herr Nitsch, kennengelernt, der uns direkt erklärt hat, dass er keinen Schnee im Haus haben will, und sonst haben wir irgendwelche Brettspiele gespielt und noch nach guten Verstecken für unsere Handys im Zimmer gesucht, da sie ja eigentlich nicht erlaubt waren. Am nächsten Morgen standen wir alle mit Skiern und Ausrüstung am Hang. Die, die noch nie Ski gefahren waren, hatten alle dieselben Skier, woran man sie gut erkennen konnte. Ich fühlte mich, obwohl es viel zu früh war, bereit für den Tag und dann nahmen wir auch schon den Schlepplift nach oben und zeigten, was wir drauf haben. Nicht besonders vorteilhaft war, dass ich direkt am Schlepplift mit meiner stylischen Jacke hängen blieb und in den Schnee flog. In diesem Moment hätte ich an der Stelle unserer Lehrer gedacht, dass ich eine totale Loserin bin, aber es kam ja noch der Abhang und den fuhr ich, meiner Meinung nach, ziemlich perfekt entlang. Auch die Slaloms danach und den Rest meisterte ich, was ja auch zu erwarten war, immerhin fahre ich jedes Jahr mit meinen Eltern und leider auch Luis zum Skifahren in die Alpen. Als wir etwas später alle mit dem Mittagessen fertig waren, gingen die Lehrer nach vorne und alle wussten, was jetzt kommen würde, die Einteilung der Skikurse. Meine Freundinnen und ich machten uns keine großen Sorgen, da wir alle sehr gut im Skifahren sind. "Fangen wir bei der 1. Gruppe der Fortgeschrittenen, den Besten, an", sagte Herr Lorr, der doofe Klassenlehrer von der noch dooferen 8c, mit der wir immer zusammen auf Klassenfahrten gehen, "in dieser Gruppe sind Klara, Tanja, Emilia, Victor, Fabian" (war ja klar, dass er mit seiner Klasse anfängt, 8b ->) Leon, Nico, Max, Florian, Sarah und Mira. Ihr seid bei Frau Brandt. In der 2. Gruppe der Fortgeschrittenen, den auch guten, sind überraschenderweise nur Mädchen, und zwar : Leonie, Alina, Maria, Lena, Anna, Luise, Melissa, Janine und Mia. Für euch ist Herr Albrecht zuständig. In der mittleren Gruppe..." und jetzt hörte ich wie immer auf, zuzuhören. Das war der zweite Schock an einem Tag und ich war nicht besonders begeistert. Als Herr Lorr fertig war, gingen meine Freundinnen und ich direkt zu ihm: "Herr Lorr? Da muss es ein Missverständnis geben!" fing Anna an, "Ja, Sarah sollte zu uns in die Gruppe kommen!" fügte Janine hinzu, aber der, wie ich ja schon erwähnt hatte, total doofe Herr Lorr meinte nur : "Wir Lehrer haben uns eure Leistungen angeschaut und sind uns sicher, dass alles so richtig ist und ihr seid ja trotzdem im selben Zimmer, wie ich vermute. Da gibt es auch keine Änderungen mehr. Jetzt beeilt ihr euch lieber mal, nicht dass ihr unten bleiben müsst!" "Aber Luise könnte doch wenigstens zu mir kommen, sie geht auch jedes Jahr Skifahren, das würde doch gehen!" versuchte ich es weiter und mein Plan war kurz davor zu funktionieren, Herr Lorr schaute auf seinen Block mit den Gruppen und las sich nochmal die Namen durch, als er auf einmal meinte : "Mira ist doch auch noch da, euer Lehrer hat gemeint, das wäre so gut, wenn ihr zwei in einer Gruppe seid, also braucht ihr ja keine Änderung," und dann rief er schon : "Gruppe C zu mir bitte!", und wir mussten tatsächlich in unsere unterschiedlichen Gruppen gehen. Das war eine ziemliche miese Verschwörung gegen mich. Bisher hatte ich Herrn Albrecht ja eigentlich gemocht, aber es konnte ja auch keiner wissen, dass er mir so in den Rücken fallen würde! Er wusste genau, dass Mira und ich nichts zusammen machen. Er wusste genau, mit wem ich in eine Gruppe wollte. Dank ihm würde ich jetzt entweder wie ein totaler MOF (Mensch ohne Freunde) aussehen oder ich müsste etwas mit diesem extrem unbeliebten Mädchen machen, was auch nicht cooler wäre. Noch dazu fühlte ich mich super ausgeschlossen. Die anderen waren jetzt ohne mich in einer Gruppe, schienen damit aber kein Problem zu haben. Sie standen nicht so, wie ich erwartet hatte, traurig am Lift und schauten bemitleidend zu mir rüber, nein, sie redeten und lachten, als wäre nichts passiert! Ich dagegen stand mit Mira, den Zicken aus der 8c und den ganzen Jungs am anderen Lift, der höher nach oben geht. Miras Outfit war, wie zu erwarten, nicht das coolste und dass ich so nah neben ihr stand, war mir schon fast peinlich. Erst in diesem Moment kam mir der Gedanke, dass Mira bestimmt nicht so gut fahren konnte, ich meine, woher denn? Bestimmt hatte sie irgendwie betrogen oder so, um mich von meinen Freundinnen weg zu bekommen und sich dann irgendwie mit mir anzufreunden, aber das würde sie bestimmt nicht schaffen, ich brauche nämlich keine Betrüger-Freundin, ich habe schon tolle Freunde, die mir reichen! In diesem Moment wurde ich von Frau Brandt, die übrigens unsere Mathelehrerin ist, aus meinen Gedanken gerissen: "Sarah! Die Gondel kommt, nimm deine Skier!", schnell schnappte ich mir die coolen Skier und stieg als eine der ersten in die Gondel. Auch sehr schnell stieg Mira in die Gondel, was ein Zufall, und sprach mich an: "Sarah?" fragte sie, "Ja?" versuchte ich möglichst leise zu antworten und achtete reflexartig besser auf meine Skier und Stöcke, obwohl die wohl kaum einer in einer geschlossenen Gondel klauen würde, "Frau Brandt hat gesagt, es gibt Übungen in Teams aus zwei Leuten, wollen wir dann in eine Gruppe gehen?", nach diesem Satz von Mira wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Klar, eigentlich einfach ja, denn sonst würde ich entweder mit einer der Zicken oder einem Jungen in ein Zweierteam gehen müssen, andererseits hatte ich doch vorgehabt, ihr keine Chance zum Anfreunden zu geben. Das war wirklich schwierig und mein Kopf war kurz so voll, dass er sich wie leer anfühlte. Ich glaube, ich habe sie mindestens 5 Minuten lang einfach nur angestarrt, bis ich letztendlich ein "Ja, gerne" rauspresste und immer noch nicht sicher war, ob das die richtige Antwort ist. Oben angekommen kamen auch schon die Aufgaben für Zwei. Meine Mathelehrerin, die mit ihrem Skioutfit gar nicht mehr so streng aussah, meinte, sie habe sich ein paar ganz tolle Übungen ausgedacht, mit denen wir topfit werden würden. Eigentlich machten wir nur sowas wie Staffellauf auf Skiern in Zweierteams. Das war nicht besonders spektakulär und man wurde davon auch nicht fit, sondern K.O. Meine Vermutung bestätigte sich aber. Als ich Mira zum Beispiel das eine Mal meinen Skistock (die mussten wir leider benutzen) in die Hand gab, nahm sie in nicht mal richtig an und fiel direkt in den Schnee! Das war echt blöd, denn ich war so schnell zu ihr gefahren, dass ich es nur gerade noch so schnell genug schaffte, ihr den Skistock entgegen zu schmeißen, aber sie musste ja alles zerstören, indem sie statt den Stock anzunehmen, sich wegduckte und dann irgendwie hinflog. Sowas passierte noch ziemlich oft, woran man ja sieht, dass sie nicht so gut wie Luise oder ich fahren kann. Am Ende des Tages saß ich zum Abendessen neben meinen Freundinnen, aber es kam mir nicht wirklich so vor, als würde ich dazu gehören. Sie redeten die ganze Zeit lachend über das, was sie erlebt hatten und machten irgendwelche Insiderwitze, die ich nicht verstehe. Sagte beispielsweise eine von ihnen "Eisbär", fingen sie direkt alle laut an zu lachen. Ich saß nur doof daneben und fühlte mich wie der totale Outsider. Auf dem Zimmer wurde es dann wieder etwas besser, als hätten sie gemerkt, dass ich ja auch da war. Wir lachten zusammen, spielten mit unseren Handys und nahmen immer, wenn Mira wegschaute, etwas aus dem Süßigkeitenlager. Innerlich war ich allerdings etwas traurig, da ich ja, wie ich beim Abendessen nochmal richtig gemerkt hatte, nicht in der selben Gruppe wie sie war. Der nächste Morgen war auch nur bis zu dem leckeren Frühstück schön, denn danach ging es wieder in die anderen Gruppen, was mich gar nicht glücklich machte. Ich hatte mich die ganze Zeit so auf diese Klassenfahrt gefreut, aber sie war alles andere als toll und das nur wegen einer gewissen Person, die betrog! Und so entwickelte ich im Laufe des Mittwochs immer mehr Trauer und Hass, Hass auf Mira. Denn immerhin war sie ja dafür verantwortlich, dass ich jetzt ohne meine Freunde in einer Gruppe war! Mit ihr im Zweierteam war ich natürlich trotzdem, auch wenn es am Mittwoch nicht so viele Zweierübungen gab. Und mit ihr geredet habe ich natürlich auch. Doch als ich Mira so die Piste entlang fahren und in den Schnee kullern sah, kam mir diese dumme Idee, die so brillant schien. Ich überlegte lange, wie ich sie am besten ausführen würde, bis ich den (total idiotischen) Plan hatte. Am nächsten Morgen wachte ich glücklich auf und war nicht mal traurig, dass ich in eine andere Gruppe musste, denn ich war mir sicher, dass ich spätestens am nächsten Tag nicht mehr allein sein würde. Fertig gedacht und geplant hatte ich den Plan auch schon. Er war perfekt. Naja, er schien mir perfekt, ich kann jetzt schon sagen, dass er das Dümmste war, was ich mir je im Leben ausgedacht habe. Ein paar meiner Freundinnen haben das auch gesagt, sie hatten geteilte Meinungen über meinen Plan. Melissa hat gemeint: "Bist du sicher, dass das so schlau ist?", sonst aber nicht besonders viel gesagt. Janine hat ihr direkt mit etwas mehr Überzeugung beigepflichtet: "Was wenn es schief geht oder du Ärger bekommst? Das wäre überhaupt nicht gut und wenn du Pech hast, musst du dann direkt nachhause gehen!", damit hatte sie leider Recht, also, sie war nah dran, aber Luise zum Beispiel bestärkte mich: "Das ist doch eine super Idee! Und das ist auch ganz einfach, da geht bestimmt nichts schief, sie zieht sie einfach wieder raus, ich kenne mich da aus!" und so etwas dachte auch Anna: "Ja, Sarah ist auch voll gut, das klappt bestimmt, toller Plan, dann ist diese falsche Schlange endlich weg!", nach diesem Satz fingen meine Freundinnen an, über Miras Dummheit und Ähnliches zu reden. Ich selbst war ja aber so wie so schon von meinem Plan überzeugt und da Luise ja auch sehr gut Skifahren kann, hatte ich gar keine Zweifel. Wie geplant durften wir (die Fortgeschrittenen) ab 16:00 Uhr alleine Skifahren und mussten erst um 17:30 Uhr wieder am Treffpunkt sein. Natürlich sollten wir mindestens zu zweit unterwegs sein und das nutzte ich direkt für meinen Plan. "Mira? Wollen wir zusammen Skifahren?" fragte ich sie, aber natürlich nur wegen meinem Plan, sonst hätte ich sie niemals gefragt. Bevor sie mit "Ja" antwortete, huschte über Miras Gesicht ein Lächeln. Das war bestimmt ein Lächeln darüber, dass ihr böser Betrügerplan aufgegangen ist, aber der würde ihr Lachen bestimmt noch vergehen, dachte ich. "Wohin willst du?" erkundete sich Mira, als ich sie daraufhin in die Gondel zerrte, ich antwortete ganz cool mit "Ich kenne da so eine Nebenpiste..." Als wir oben waren, fühlte ich mich bereit. Bereit für den Plan. Bereit für alles. "Lass uns da drüben entlang fahren!" meinte ich und zeigte auf die Hangseite mit den Bäumen und dem Tiefschnee, auf der in den letzten Wochen wohl kaum jemand gefahren war. Miras Gesicht sah alarmiert aus, als sie sah, wo mein Finger hin zeigte und sie versuchte, mich zu überreden, die andere Piste zu nehmen. Aber ich habe mir nur gedacht, sie hätte bestimmt Angst, weil sie dann auffallen würde und fuhr ganz cool nach vorne. Naja, das war ziemlich dumm und ich hätte einfach auf Mira hören sollen, auch wenn ich immer noch überzeugt bin, dass sie eine Betrügerin ist. Die ersten Meter schaffte ich noch, da war noch kein wirklicher Tiefschnee, aber auf einmal bemerkte ich, wie ich immer mehr einzusacken schien. Das wäre der Moment gewesen, um umzu drehen, aber nein, ich holte während der Fahrt mein Handy raus, um Miras Untergang (wortwörtlich) auf zu nehmen. Wie mir dann auf einmal auffiel, war Mira noch am Anfang wo es gar keinen Tiefschnee gibt. "Jetzt komm!" rief ich zu ihr, als sie auf einmal "Sarah! Stopp!" rief. Was eine feige Idiotin, dachte ich mir, als ich mich umdrehte, doch dann sah ich, wieso sie das gerufen hatte: Ich fuhr, immer mehr einsinkend (der Schnee wurde immer tiefer) und super schnell auf einen Baum zu! Umlenken ging nicht mehr, dafür war ich zu tief im Schnee, bremsen schien mir ebenfalls unmöglich, also tat ich das einzige, was verhindern würde, dass ich in den Baum fahre, ich ließ mich fallen. Dieser Moment war wie in Zeitlupe. Ich sah erst den Baum auf mich zukommen, dann den Schnee, ich hörte Mira und sah beide meiner Stöcke und das Handy aus meinen Händen fliegen. Dann spürte ich die Kälte. Hier wären wir an dem Moment vom Anfang. Jetzt gerade liege ich in irgendeinem Krankenhaus unter einer dicken Decke und schreibe das hier in mein Tagebuch, das ich, seit Luis es allen seinen Freunden vorgelesen hat, so gut wie nie benutze. Ich glaube, ich habe mir den rechten Fuß gebrochen oder so, denn ich fühle etwas Gipsartiges an ihm und er tut bei jeder kleinen Bewegung schrecklich weh. Ich habe mir noch nie etwas gebrochen, deshalb bin ich mir nicht sicher, ob er gebrochen ist. Er fühlt sich aber auf jeden Fall so an, wie es mir von meiner Freundin Janine, als sie ihren Arm gebrochen hatte, beschrieben wurde. Vorhin war auch eine Krankenschwester da, die hat aber nur gesagt, dass meine Eltern auf dem Weg sind und Suppe vorbei gebracht. Dafür, dass sie so freundlich aussieht, hat sie mir eine echt ekelhafte Suppe gegeben. Die schmeckt nicht wie die von meiner Mutter oder von Frau Nitsch, sondern geht so in die Richtung von ... oh Gott, mir fällt gerade auf, dass mein Handy gar nicht hier ist! Es muss immer noch im Tiefschnee liegen! Was jetzt? Ich muss es ...oje, meine Eltern kommen, ich höre sie schon draußen reden! Bis später.

Hier bin ich wieder. Meine Eltern essen gerade in der Krankenhauskantine zu Abend und schauen dann nach einem Hotel in der Nähe. Sie sind beide sehr sauer auf mich. Ich habe ihnen nämlich so ungefähr erzählt, was passiert ist. Ehrlich gesagt habe ich wirklich kurz darüber nachgedacht, alles auf Mira zu schieben, aber ich habe schon noch etwas Würde. Jetzt gerade bin ich noch etwas "geschockt" von dem Satz, den meine Mutter eben gesagt hat: "Wenn du denkst, Mira ist das Problem, dann haben wir dich wohl sehr schlecht erzogen. Ich bin wirklich enttäuscht von dir Sarah, du hast nicht nur dich, sondern auch noch sie in Gefahr gebracht!", bis dahin ging es ja noch, mal abgesehen davon, dass sie das mit einem so bösen Unterton gesagt hat, dass ich dachte, ich müsse sterben, doch dann kam der Schock: "Ich denke, du solltest dich dringend bei ihr entschuldigen. Das kannst du auch gleich, wenn wir weg sind, machen, Mira liegt ein Zimmer weiter mit einer Unterkühlung. Sie hat dich vorhin aus dem Schnee gezogen und ist dann noch zur Gondelstation gerannt, wo sie einem Angestellten bescheid gesagt hat und zusammengebrochen ist." Nach diesem Satz hat mein Vater noch irgendwas gesagt und dann sind sie gegangen. Ich liege jetzt hier und habe viel zu viele Schuldgefühle auf einmal. Ich meine, anscheinend kann sie ja wirklich so gut Skifahren und kennt sich wirklich so gut aus. Anscheinend wollte sie gar nicht lügen oder so, sondern nur eine Freundin. Anscheinend hat sie mir das Leben gerettet. Anscheinend ... Und mein einziges Problem bis vor ein paar Minuten war, dass mein Handy weg ist! Ich MUSS mich entschuldigen. Jetzt.

"Du hattest vor, dass ich in dem Schnee einsinke, weil du lieber etwas mit den anderen Mädchen machen wolltest?" fragte mich Mira vorhin nach der langen Entschuldigung entgeistert und enttäuscht, als ich mit Krücken (der Fuß ist wegen meinem Skier beim Fall verdreht worden) vor ihr stand. "Ja, tut mir echt leid." sagte ich und schaute auf meine Krankenhauspantoffeln. Ich glaube, ich wurde rot, denn mein Kopf wurde ganz heiß. An Miras Stimme konnte ich hören, dass sie fast anfing zu heulen. Ich fing auch fast an zu heulen, denn so wie sie das zusammengefasst hatte klang es, als wäre ich jemand Schreckliches und wenn man genau darüber nachdachte, war ich ja auch jemand

Schreckliches. Eine Person, die ich nie sein wollte. Ich war super tief gesunken, womit ich nicht den Schnee meine. Eine Träne kullerte über mein Gesicht, auch Mira drehte sich kurz weg. Für eine Weile stand ich nur da, dann fragte sie mich, ob ich gehen könnte. "Ja. Aber, nur dass du es weißt, es tut mir wirklich leid. Wenn ich irgendwas für dich tun kann, sag es mir. Vielleicht können wir ja auch nochmal neu anfangen, wenn du willst, kannst du zu mir rüber kommen", sagte ich noch, dann humpelte ich aus ihrem Zimmer. Als ich bei meinem Bett angekommen war, war mein Gefühl nicht besonders viel besser. Doch dann, nach ungefähr 10 Minuten, öffnete sich meine Zimmertür. Ebenfalls mit Krücken und etwas wackelig kam Mira. Was dann passierte, weiß ich gar nicht mehr genau. Wir haben über meine Lieblingssendung, die ich gerade am Schauen war, geredet, da sie auch ihre Lieblingsserie ist und über vieles mehr. Am Ende ist sie mit uns nachhause gefahren, weil ihre Eltern nicht einfach so direkt kommen konnten. Jetzt gerade, einen Monat später, sitze ich auf der Couch in meinem Zimmer und warte auf Mira und die anderen. Über mir hängt ein Selfie von uns allen zusammen, also von Anna, Luise, Melissa, Janine, Mira und mir. Daneben eins nur von Mira und mir. Mira ist mittlerweile meine beste Freundin und hat sich auch mit den anderen befreundet. Ich bin froh, dass ich sie kennengelernt habe und werde nie wieder irgendjemanden, den ich nicht kenne, so verurteilen. Die Skifreizeit war vielleicht nicht so toll und ich habe sie nur zur Hälfte mitbekommen, aber ich denke, sie war für mich sehr wichtig, da ich dort etwas fürs Leben gelernt habe. Dass ich so einen Satz mal sage! haha!